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„Ein Berg, viele“

Eine Geschichte aus einer Perspektive

 

Dieser Beitrag setzt die Reihe der Theaterkritiken im Rahmen des SCENEN::NOTIZ-Projekts fort. Geschrieben wurde er von Miles, der aktuell sein FSJ in der Theaterpädagogik des Schauspiel Leipzig macht.


 Vier Darsteller, eine Darzustellende. In „Ein Berg, viele“ geht es um Pearl, eine junge Dokumentarfilmerin, welche sich aufmacht zum Berg Kong. Ein Berg, nein, viele Berge, denn Berg Kong gehört einer Gebirgskette inmitten Afrikas an. Das einzige Problem ist, dass Pearl bei ihrer Ankunft nur Flachland vorfindet. Doch sie  macht weiter. Ihre Reportage bezieht sich nun einfach auf alles, was sich von ihrem normalen Leben unterscheidet.


Sie bleibt an der Seite Ismaels, eines jungen Mannes, der als Wächter vor einer Siedlung arbeitet. Er verwehrt Pearl den Zutritt und wird so zum Mittelpunkt ihrer Titelstory. Flucht, Leid und harte Schicksalsschläge sind nun mal Futter für Schaulustige und Not(lagen)geile.

Einige Situationen erinnern stark an gescriptetes Reality-TV: Alles muss perfekt ausgeleuchtet sein, der Satz muss bitte nochmal in die Kamera gesprochen werden: "Ja super, genau so vielleicht noch mal ein bisschen wehleidiger?"

 Nur wir Zuschauer:Innen, die wir sozusagen hinter den Kulissen stehen, erfahren, dass Ismaels Schreien, sein Rufen und seine Tränen eigentlich eine überspitzte, aufreißerische Version seines Leidens sind.

Und plötzlich, als der Hoffnungsschimmer verglimmt, beendet Pearl die Aufnahmen. Sie kann sich retten, Ismael bleibt der Gewalt der Küstenwache ausgeliefert.

 

 

 

 Das Stück arbeitet mit Rückblicken, welche die Zeit darstellen, in der der Berg Kong erschaffen wird. So spielt ein Kartograf aus dem 18. Jahrhundert Gott und setzt mitten in ein Stück Land, ohne Hügel oder Ähnliches, ein Gebirge. Der einzige Grund für die gezeichnete Lüge scheint eine Kurve im Verlauf des Fluss Niger zu sein, die sich der zerstreute Geograf nicht erklären kann. Wie auch er war schließlich nie vor Ort.

 

Das Stück arbeitet ebenfalls mit Fantasien, primär denen der Kinder des Kartografen. Sie spielen, eifern ihrem Vater nach, wollen Entdecker:Innen werden und selbst den Berg Kong besuchen. Ihre Darstellung des Geschehens hat jedoch etwas Makabreres und brutal Realistisches. So schießen sie im Garten aufeinander, erobern Landstücke, zeigen schonungslos die Machtverhältnisse, mit welchen sie eben aufwachsen. Wie auch sonst – sie sind Kinder, wissen es nicht besser und so tut sich die Frage auf, ob sie jemals die Möglichkeit bekommen, aus ihrer mit Privilegien versehenen Kapsel ausbrechen zu können.

 

„Ein Berg, viele“ sieht auf den ersten Blick sehr verspielt aus. Die Kostüme, das Bühnenbild, die Farbgebung, die Requisiten – Rosa, Gelb, Türkis, Grün, alles in Pastell. Doch der Schein trügt. Schnell spitzt sich nicht nur Pearls, sondern auch die Situation des Geografen zu. Beide leben in stark von ihren Privilegien beeinflussten Welten: dem Kolonialismus und Postkolonialismus. Beide kämpfen für ihre Werke, sei es nun der Film oder die Karte. Beide lügen wie aufgenommen/gezeichnet und sehnen sich nach Ruhm, für den sie beide die Realität verdrehen.

 

Ein gelungenes Stück über die Macht, die man ungestraft in seiner jeweiligen Position ausüben kann und darf.

 

Nun möchte ich noch anmerken, dass das hier, diese Zusammenfassung, diese kurze Rezension, ganz allein meinen Gedanken entsprungen ist. Die Empfindungen entstammen meiner Sicht der Dinge und sind nicht absolut und auf jeden übertragbar.

Darum geht es eben in „Ein Berg, viele“ – um die Gefahr der einzigen Geschichte. Eine Geschichte oder eine Report, der die Überhand gewinnt und als gültig anerkannt wird.

Also macht euch bitte selbst ein Bild und schaut euch "Ein Berg, viele" bei uns in der Diskothek an!

 

- Miles Rolle

 

Die nächsten Spieltermine zu „Ein Berg, viele“ findet ihr online auf der Website des Schauspiel Leipzig

oder schon hier auf einen Blick:

 

Sonntag, 31.10.2020, 20:00 Uhr

Samstag, 14.11.2020, 20:00 Uhr

Freitag, 27.11.2020, 20:00 Uhr

 


In der Kategorie SCENEN::NOTIZ schreiben junge Medienschaffende über Theater und bekommen die Möglichkeit,

ihre Texte auf dem Blog der Theaterpädagogik zu veröffentlichen.