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Turbulent, dramatisch, bunt – eine Vorstellungsrunde.

„Mehr als drei Stunden Stückdauer sind dann aber doch zu viel“
Im Gespräch mit Johannes Preißler

Mir gegenüber sitzt Johannes Preißler, er ist, ebenso wie ich, der neue FSJler der Theaterpädagogik im Schauspiel Leipzig.
Es ist früher Vormittag und wir setzen uns zusammen auf die blaue Couch im Büro. Noch ist alles ruhig und wir stören niemanden mit unseren Fragen. Ich habe vorgeschlagen, die unangenehme Prozedur etwas zu erleichtern, indem wir uns einfach gegenseitig vorstellen und uns dabei auch gleich etwas besser kennenzulernen.

Ich lege meine Liste mit 15 ersonnenen Fragen auf meinen Schoß und beginne mit der ersten, während ich die Antworten stichpunktartig niederkritzele. Noch vor der ersten Frage entschuldige ich mich: „Erst die trockenen Fragen, sorry.“ Johannes grinst. „Warum also das Schauspiel Leipzig?“ Nach mehreren praktischen Jahren am Theater der Jungen Welt war für ihn ziemlich klar, dass er sich weiter in Richtung Theater ausprobieren möchte, dabei aber nicht immer auf der Bühne stehen will. Er wollte weiterhin in Leipzig bleiben und mal die Luft des „Erwachsenentheaters“ schnuppern – nun ist er hier. Direkte Erwartungen hat er nicht an dieses Jahr, keine geheime Liste an die er Häkchen machen kann, wenn es um Erfahrungen und Erreichtes geht, aber dennoch ein Ziel im Hinterkopf – eine Antwort auf die Frage: „Ist Theater für mich ein beruflicher Weg oder lieber ein leidenschaftliches Hobby?“ Schließlich ist es nochmal eine ganz andere Erfahrung hinter der Bühne zu stehen. Besonders freut er sich aber jeden Tag im Theater sein zu dürfen, sagt er lachend.

Er erzählt mir, dass das Theater ihm einen ganzen Schub an Selbstvertrauen und Mut gegeben hat. Dass Spielen und auf der Bühne stehen für ihn nicht Rampenlicht, sondern eine Auseinandersetzung mit sich und seinem Körper ist – loslassen, sich mal zum Trottel machen, gleichzeitig sich und andere ernst nehmen lernen. Ich muss an den Deutschunterricht denken: Die Räuber, 10. Klasse, Fremdbild/Selbstbild „Wie nehmen mich andere wahr, wie nehme ich mich wahr, wie will ich wahrgenommen werden?“ und so kommen wir auf das Thema „Rollen“. Johannes findet besonders die komplexen Charaktere spannend, die vielleicht nicht im ersten Moment auffallen, eigentlich aber die Fäden ziehen. Als Beispiel hierfür nennt er mir tatsächlich Schillers Franz, ein im Kontext vielleicht antagonistischer Charakter, der in sich aber dennoch verständlich scheint.

Mittlerweile sind Anne und Babette eingetroffen und wir dämpfen unsere Stimmen. Ich frage ihn die unbeantwortbare Frage, was für ein Theatermensch er ist und zusammen versuchen wir irgendwie eine Antwort darauf zu finden. Genial sind Inszenierungen mit Wasser auf der Bühne, einer Menge Nebel und … „Trockeneis“ wirft Anne ein und wir rätseln über den Unterschied. Schließlich werden wir uns einig, dass es auf meine Frage 100 Antworten und gleichzeitig keine gibt, dass Theater eben faszinieren sollte, sodass die Zeit stehen bleibt und man ganz im Jetzt ist – mehr als drei Stunden Stückdauer sind Johannes dann aber doch zu viel.

Trotzdem freut er sich jetzt auf ein Jahr voller Theater, denn in letzter Zeit ist das abiturbedingt ganz schön unter die Tischkante gefallen. Am schönsten sind für ihn die Theaterbesuche an Donners- oder Freitagen, die in verlängerten Abenden enden, mit langen Gesprächen über die jeweiligen Inszenierungen, wobei sich Johannes besonders in die Kostüme und Bühnenkonzepte vertiefen kann. Theater kann ihn also nicht nur durch Handlung, sondern auch durch Ästhetik fesseln.
Innerhalb des Gesprächs, zu dem es von einem „Interview“ eindeutig geworden ist, stellen wir fest, dass wir beide eindeutig Einzelkinder sind was das Theater angeht – ihr wisst schon: tolle Menschen, die dann aber in langfristiger Gesellschaft manchmal vielleicht doch eine etwas verwöhnte Sicht auf die Dinge haben. Kurz und knapp: Wir sind kritische Theatergänger, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass wir beide schon auf der Bühne standen. In Feedbackrunden ist ein „einfach toll, ich habe nichts anzubringen“ eben keine konstruktive Kritik für uns. Und grundsätzlich ist es ja nicht verwerflich einen hinterfragenden Blick auf die Inszenierungen zu werfen – ich freue mich jetzt schon auf hoffentlich folgende Diskussionen mit Johannes.

Meine Frage, was man in Leipzig eigentlich erlebt oder getan haben sollte, ebbt in langem Grübeln ab und so muss ich ihn noch ein letztes Mal ärgern, bevor wir an unsere Schreibtische zurückkehren. „Warum gehst du so häufig auf die Toilette?“, frage ich herausfordernd. „Kleine Blase“, sagt er, „kleine Blase“ und huscht davon.

„Kuba ist nicht mehr so geil, wie es mal war … glaub ich“

Im Gespräch mit Rosa Preiß

Es ist 9:55 Uhr, ich sitze am Schreibtisch im Büro der Theaterpädagogik. Zu meiner linken sitzt Rosa Preiß, die wie ich für ein Jahr in diesem Raum arbeiten und leben wird. Wir sind die zwei Neuen hier. Heute ist Mittwoch, also schon unser dritter Arbeitstag und am Tag davor haben wir große Pläne für den Blog der Theaterpädagogik gemacht. Einer davon ist eine gegenseitige Vorstellung von uns. Doch noch drücken wir uns davor und tippen auf unseren Computertastaturen herum, bis ich auf einmal eine E-Mail ohne Betreff erhalte mit der Botschaft, dass wir uns doch jetzt mal interviewen könnten, solange wir noch allein sind im Büro. Gesagt, getan und so sitzen wir schon bald gemeinsam am Tisch und lassen das Spiel beginnen.
Meine erste Frage ist für mich fast die interessanteste, denn vor mir sitzt eine Berlinerin und ich kann nicht anders, als darüber zu grübeln, was sie nach Leipzig gebracht hat. Für sie eine einfache und nicht überraschende Frage. Es war ihr klar, dass sie aus Berlin raus will, denn so bunt und schillernd die Theaterszene dort auch ist, sie hat schon fast alles dort kennengelernt über Praktika, Spielclubs, etc. Also stand fest: „Weg von Zuhause!“ Sie erzählt mir von Ihren verschiedensten Vorstellungsgesprächen an Theatern und ihren jeweiligen Erfahrungen. Doch so richtig wohlgefühlt hat sie sich nur in Leipzig. Nachdem sie hier nach einem Workshop mit Babette und Anne aus dem Theater kam, sagte sie zu sich selbst: „Hier könnte ich mir vorstellen zu wohnen.“ Und somit führte eins zum anderen. Nun scheinen die Fragen fast zu verschwinden und wir lassen dem Gespräch freien Lauf.

Rosa gibt mir detaillierte Einblicke in ihre Theatererfahrungen und ihre Faszination für das Medium. Theater ist für sie so wichtig, da es ein Mittel ist, um aufmerksam zu machen, aufzuwecken. Sie meint: „Ein Theaterbesuch sollte vorne und hinten kein Ende haben, sondern in Gedanken weitergehen!“ Sie sieht Schauspiel also als Mittel zum Zweck, um das Publikum zum Weiterdenken anzuregen. Mehr und mehr wird mir hier klar, inwiefern unsere Gedanken übereinstimmen und die Antwort auf meine nächste Frage kenne ich eigentlich schon. Dennoch frage ich, ob meine Kollegin lieber im Rampenlicht oder Backstage ist. Ohne großes Überlegen antwortet mein Gegenüber, dass es sie mehr reizt hinter der Bühne zu agieren. Selber zu spielen macht ihr zwar auch Spaß und Erfahrung hat sie genug, aber selber in einem Entstehungsprozess involviert zu sein, Dinge zu erschaffen und zu organisieren ist doch reizvoller. Mit einem Lächeln sagt sie, dass es ihr Spaß macht, selbst Konzepte zu erarbeiten. Sie ist einfach lieber mitverantwortlich für eine nicht so gelungene Produktion, als sich über ebendiese aufzuregen.

Ich merke, so wie ich ist auch sie eine sehr anspruchsvolle Theatergängerin. Aber besonders Kammerspiele begeistern sie. Als erstes Beispiel fällt ihr hier „Der Gott des Gemetzels“ ein, was sie auch gerne am Schauspielhaus sehen will. Die Herausforderung nur einen Spielraum zu haben und darin eine Geschichte zu erzählen, fasziniert sie sehr, aber auch Modernisierungen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine Inszenierung von „Der Herr der Fliegen“ die als Computerspiel aufgebaut war.

Inzwischen sind wir auch nicht mehr allein im Büro und wir versuchen langsam unsere Fachsimpelei zu beenden, trotz der noch langen Liste an Fragen. Meine letzte Frage hat dann auch nichts mit Theater zu tun und so frage ich: „Wo willst du unbedingt mal hin?“. Es folgt der Satz: „Früher wollte ich immer nach Kuba, aber jetzt ist das dort nicht mehr so geil … glaub ich.“ Deshalb hat sie noch andere Reiseziele, wie in Island die Natur zu genießen oder einfach durchs Nichts mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren.

Aber auch wie in einem Film durch die Wüste zu wandern reizt sie, doch dazu fehle ihr der Mut, was ich ganz gut finde, denn sonst säße sie jetzt nicht im Büro neben mir.