von Vera Voermanek
Hallo, ich bin Vera und habe im Dezember ein dreiwöchiges Praktikum in der Theaterpädagogik am Schauspiel Leipzig gemacht. Während meiner Zeit hier hatte ich die Möglichkeit, an mehreren Workshops zum Stück „Das kalten Herz“ teilzunehmen und die Wiederaufnahmeprobe der Inszenierung zu sehen. Im Folgenden möchte ich von meinen Erfahrungen dabei berichten.
In dem Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff geht es um Peter Munk, der im Schwarzwald lebt und von Beruf Köhler ist. Trotz harter körperlicher Arbeit ist er arm und wird von seinen Mitmenschen verachtet. Aus seiner Unzufriedenheit heraus wendet er sich an zwei Wesen des Zauberwaldes und lässt sich seine größten Wünsche erfüllen. Doch Peter geht dabei mit seinen Möglichkeiten ungeschickt um und wendet sein Leben nicht unbedingt zum Besseren. Viel muss geschehen, damit Peter Munk begreift, was aus ihm geworden ist …
Die Theaterpädagogik bietet Gruppen, die eine Vorstellung besuchen, als Vor- oder Nachbereitung einen Workshop an. Ich habe zwei Vorbereitungsworkshops in einer siebten und einer achten Klasse begleitet. Dieser beschäftigt sich mit dem Inhalt des Stücks und seinen Hauptthemen. „Das kalte Herz“ beinhaltet Themen wie: Armut und Reichtum, Gier und Geiz, den Verlust und die Bedeutung von Gefühlen und Menschlichkeit, Mobbing und die Kritik am ständigen Streben nach mehr Anerkennung. Der Workshop greift diese Punkte auf und ist nicht als Vortrag, sondern spielerisch und interaktiv gestaltet. So gewinnt er die Aufmerksamkeit der Schüler*innen und hilft, die Themen und die Bedeutung des Stücks intuitiv zu erfassen. Mit einem Quiz, einer kurzen Inhaltszusammenfassung, kreativen Aufgaben und Selbstreflexionen gibt der Workshop viel Zeit, sich über die Themen Gedanken zu machen, eine eigene Meinung zu bilden und die Bedeutung der Inhalte zu verstehen und zu hinterfragen. Deshalb liegt der Fokus auch weniger auf dem konkreten Inhalt des Märchens, sondern mehr auf den Themen, Gedanken und der Moral.
Bei beiden Workshops ist mir aufgefallen, wie die Schüler*innen nach und nach mit den Übungen und Aufgaben warm geworden sind und es ihnen zunehmend Spaß gemacht hat, mitzumachen. Zudem sind Geiz, Neid, Mobbing und Verlust Themen, mit denen so ziemlich jede*r schon Kontakt hatte, eigene Erfahrungen gesammelt hat oder sich zumindest Gedanken gemacht hat. Demzufolge hatten die meisten, nachdem sie aus ihrer Komfortzone gekommen sind, viel zu den Aufgaben beizutragen und waren bereit, auch eigene Erfahrungen mit der Klasse und uns zu teilen.
Im Anschluss an die Workshops hatte ich das Glück, bei der Wiederaufnahmeprobe (also eine Probe, die den gesamten Durchlauf eines Stücks beinhaltet, welches nach einer langen Pause wiederaufgeführt werden soll) von „Das kalte Herz“ dabei sein zu können. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Workshop mich wirklich gut auf das Stück vorbereitet hat und auch den Fokus beim Zusehen lenkt. Ich hatte das Gefühl, dass man durch den Workshop die eigentlichen Themen des Stücks und deren Umsetzung besser wahrnimmt und nicht einfach nur zuschaut/dasitzt und das Stück oberflächlich beobachtet. Der Workshop liefert also hilfreiches Hintergrundwissen und ist trotzdem kein Spoiler, der die Magie des Stücks zerstört.
Und Magie hat „Das kalte Herz“ in jedem Fall! Das tolle, bis ins Detail ausgearbeitet Bühnenbild, die Kostüme, die schauspielerische Leistung, die abgestimmten Licht- und Geräuscheffekte und der Live-Pianist sind es einfach wert! Da „Das kalte Herz“ kein typisches Kindermärchen, sondern ein nachdenkliches, moralisches Märchen ist, gibt es sowohl tiefgründige als auch lustige oder gruselige Stellen, die die Aufmerksamkeit des Publikums sichern und es immer wieder mitreißen.
Mir persönlich hat das Stück sehr gut gefallen und ich kann es jeder Altersgruppe empfehlen. Ich finde es sinnvoll, insbesondere für Schulklassen, einen Workshop vorher zu machen, da man so beim Theaterbesuch vieles wiedererkennt. Durch die thematisch-inhaltliche Vorbereitung begreift man das Stück intuitiver und tiefer. Für mich war es eine schöne Erfahrung zu sehen, wie der Workshop eine praktische Hinführung auf die Aufführung ist.
Neben den Workshops zum „Kalten Herz“ habe ich während meines Praktikums auch an Workshops zu anderen Theaterstücken teilgenommen. Mir war nicht klar, wie viel Vorbereitung und Planung hinter diesen Angeboten steckt und wie viel Organisation und Besprechungen Theaterpädagogik bedeutet. Das betrifft auch die Proben der verschiedenen Theaterclubs, an denen ich ebenfalls teilnehmen durfte, da viel mehr Arbeit und Überlegung dahintersteckt als ich dachte. Zudem war es eine ganz andere Erfahrung als in der Schule, wo man als Schüler*in ja doch weitgehend die Inhalte vorgesetzt bekommt. Hier stand ich nun auf der anderen Seite und konnte miterleben, wie man die Inhalte gestaltet – eine interessante Erfahrung. Beim Vergleich zwischen verschiedenen Altersgruppen (Jugendliche, junge Erwachsene, Senior*innen) ist mir außerdem klargeworden, wie wichtig es ist, die Angebote anzupassen und mit unterschiedlichen Reaktionen und Denkweisen zu rechnen.
Überhaupt war für mich persönlich der wörtliche Blick hinter die Kulissen neu – zu erfahren, wie ein neues Stück entsteht, die Hausführung, die verschiedenen Abteilungen, die Bühne – und ich freue mich, dass ich in kurzer Zeit in so viele Aufgaben der Theaterpädagogik reinschnuppern konnte.
Insgesamt waren es drei spannende Wochen mit viel Input und Erlebnissen für mich.
Vielen Dank für die schöne und interessante Zeit an das ganze Team!!
